Expertenmeinungen...

... haben in meinem Fall eine wichtige, aber letztlich leider keine entscheidende Rolle gespielt. Denn wenn es nach den Anti-Doping-Experten oder den Hämatologen gegangen wäre, hätte ich nie gesperrt werden dürfen, bzw. im Laufe des langen juristischen Rechtsstreits freigesprochen werden müssen.

Um es für jeden noch einmal ganz deutlich zu sagen: Es gibt weltweit keinen Experten und auch keinen Ankläger, der sagen kann, wie, wann und womit ich gedopt haben soll. Die Begründung für meine Sperre war die irrige Annahme, meine erhöhten Retikulozytenwerte seien nur durch Manipulation zu erklären, weil man eine Blutanomalie als Ursache ausschließen könne.

Im Urteil des CAS heißt es dazu wörtlich, „dass die Möglichkeit einer Blutkrankheit mit Sicherheit ausgeschlossen wurde.“

Auf dieser Basis wurde meine zweijährige Sperre bestätigt. Wie wahnwitzig das Ganze anmutet, wird besonders deutlich, wenn man sich die Ausführungen der Hämatologen ansieht, die sich unter den insgesamt 22 (!) Expertenmeinungen wiederfinden, die Kritik an dem Urteil gegen mich geäußert haben.   

Dr. Michael Ashenden, Mitglied des WADA-Experten-Komitees für den Blutpass:
„Ich habe keine vernünftige Erklärung, wie dieses Blutbild durch Doping verursacht sein könnte."

 Quelle: Referat Anti-Doping-Workshop, München, 12. Dezember 2009

Prof. Christoph Dame, Epo-Forscher, Professor und Oberarzt für Pädiatrie mit Schwerpunkt Neonatologie an der Charité in Berlin, Epo-Forscher:
„Ich denke, dass man mit einem einzigen hämatologischen Parameter zum Dopingnachweis nicht auskommt. Wenn es keinen Substanznachweis eines Dopingmittels gibt, muss der individuelle genetische Hintergrund des Athleten, zumindest für solche Gene, die entscheidend für die Blutbildung involviert sind, berücksichtigt werden.“
Quelle: Gutachten, 12. Oktober 2009

Dr. Rasmus Damsgaard, Medical Director FIS, WADA-Experte:
„Das vorgelegte Blutprofil entspricht nicht dem Profil der meisten anderen Ausdauerathletinnen. In Bezug auf den Anti-Doping-Zusammenhang können die Fluktuationen der Retikulozyten nicht durch gut bekanntes und vernünftiges Dopingverhalten, welches die Leistung verbessern soll, erklärt werden. Das Profil kann zwar den Gebrauch von verbotenen Substanzen während der neun Jahre nicht ausschließen, es bestätigt aber auch nicht jenseits eines vernünftigen Zweifels das Doping.“
Quelle: Gutachten, 15. Oktober 2009

Prof. Stefan Eber, Hämatologe:
„In der Gesamtschau liegt am ehesten eine hereditäre Membranopathie mit mildem, subklinischen Verlauf vor. Die Vererbung ist durch die  gleichartigen Veränderungen bei Vater und Tochter gesichert. Eine solche Veränderung erklärt gut die intermittierend auftretende leichte relative Retikulozytose bei beiden Pechsteins.“
Quelle: Arztbereicht vom 16. August 2010

Prof. Gerhard Ehninger, Vorsitzender der DGHO, Chefarzt für Blut- und Krebserkrankungen an der Technischen Universität Dresden:
„Diese Sphärozytose liegt in einer leichten Form vor und führt zu einem erhöhten Zellumsatz mit kürzerer Überlebenszeit. Die Erhöhung der Retikulozyten – der frisch aus dem Knochenmark ausgeschwemmten roten Blutzellen – ist Ausdruck der gesteigerten Blutbildung und nicht durch Doping bedingt.“
 Quelle: Süddeutsche Zeitung, 12. März 2010

Dr. Klaas Faber, Analytischer Chemiker, Gründer und Leiter der Chemommetry Consultancy, von 2006 bis 2008 Berater von Anti-Doping-Agenturen:
„Die Statistiken im CAS-Urteil sind auf Treibsand gebaut. So wie sie erstellt wurden, grenzt das an wissenschaftlichen Betrug.“ 
Quelle: NRC Handelsblad, 6. Dezember 2009

Prof. Winfried Gassmann, Chefarzt der Klinik für Hämatologie und Internistische Onkologie am St. Marienkrankenhaus Siegen, ärztlicher Leiter des Labors:
„Die Gesamt-Konstellation aller Befunde beweist eindeutig das Vorliegen einer hereditären Membranopathie im Sinne einer Sphärozytose. Diese Konstellation, mit auch durch äußere Einflüsse veränderbarer Hämolyse, erklärt die sehr auffälligen Retikulozytenvermehrung bei der WM in Hamar und die niedrigen Werte zu anderen Zeiten.“
Quelle: Gutachten, 1. März 2010

Anne Gripper, ehemalige Antidoping-Beauftragte der UCI:
„Diese Blutwerte hätten bei einer Bewertung durch die UCI-Experten nie und nimmer zur Eröffnung eines Dopingverfahrens gelangt.“
Quelle: Anti-Doping-Workshop, München, 12. Dezember 2009

Prof. Hermann Heimpel, ehemaliger Vorsitzender und jetziges Ehrenmitglied der DGHO, viele Jahre verantwortlich für alle Leitlinien der Hämatologie in der DGHO:
„Beruhend auf den bereits bekannten Untersuchungsergebnissen und insbesondere in Kenntnis der Befunde der neuen Untersuchungsmethode bin ich der Meinung, dass mit
an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Blutbildveränderungen bei Claudia
Pechstein nicht durch die Anwendung verbotener Substanzen, sondern durch eine milde Form
einer wahrscheinlich angeborenen Membranopathie am ehesten vom Typ einer hereditären
Sphärozytose bedingt sind.“
Quelle: Gutachten vom 11. Februar 2010

Prof. Wolfgang Jelkmann, Direktor des Instituts für Physiologie der Medizinischen Universität Lübeck, Epo-Forscher:„Nach der medizinischen Faktenlage hätte man sie freisprechen müssen.“
Quelle: Süddeutsche Zeitung, 12. März 2010

 

Prof. Elisabeth Kohne, Leiterin des Labors für spezielle Hämatologie, Universitätsklinik Ulm:

„Die Eisschnellläuferin hat eindeutig nachweisbare erythrozytäre Veränderungen. Der Nachweis identischer Veränderungen beim Vater ist ein Beweis für die Tatsache, daß es sich um hereditäre, vom Vater vererbte Defekte der roten Blutzellen handelt, die nicht durch äußere Einflüsse, auch nicht durch Erythropoetin oder andere Substanzen oder Dopingmittel hervorgerufen werden können. Die schwankenden und phasenweise leicht erhöhten Retikulozytenzahlen stehen ohne Zweifel im Zusammenhang mit den nachgewiesenen erythrozytären Anomalien.“
Quelle: Untersuchungsbericht, 16. August 2010

Prof. Rolf Kuse, Facharzt für Innere Medizin und Hämatologie, ehemaliger Leiter der Hämatologischen Abteilung des Hamburger St.-Georg-Krankenhauses:
„Obwohl alle Spitzensportler unter dem Generalverdacht stehen, manipuliert zu haben, gehe ich in Ihrem Fall davon aus, dass kein EPO verabfolgt wurde. Denn sonst hätte man im Laufe der vielen Jahre sicher irgendwann einmal eine positive Urin-Probe oder erhöhte Hämoglobin- oder Hämatokritwerte gefunden.“
Quelle: E-Mail vom 19. Dezember 2009

Dr. Klaus Pöttgen, Sportmediziner, Medizinischer Leiter IRONMAN Deutschland und Europa:
„Bei Claudia Pechstein wurden nie auffällige EPO-Profile festgestellt. Blutdoping mit Fremd- oder Eigenblut, sinnvoller Weise vor dem Wettkampf, würde die Retikulozyten senken und den Hämoglobinwert anheben. Dies scheidet ebenso als Manipulation bei Claudia Pechstein aus. Es ist keine Substanz bekannt, welche ein Blutbild wie in Hamar bei Frau Pechstein auslösen kann, wenn man alle Blutparameter beachtet.“
Quelle: Gutachten, 9. Januar 2010

Prof. Wilhelm Schänzer, Leiter Institut für Biochemie Deutsche Sporthochschule Köln:
„Ich hatte erwartet, dass man sie nicht sperrt. Ich fühle mich unwohl mit dem Urteil, da es nur auf dem Parameter Erhöhung der Retikulozyten beruht.“
Quelle: Frankfurter Rundschau, 26. November 2009

Prof. Walter Schmidt, Leiter der Abteilung Sportmedizin/Sportphysiologie am Institut für Sportwissenschaft der Universität Bayreuth:
„Auf Grundlage der vorgelegten Blutwerte stelle ich fest, dass die abnormal hohen Retikulozytenzahlen nicht notwendigerweise auf Doping beruhen, sondern eine grenzwertige Blutanomalie in Betracht gezogen werden muss.“
Quelle: Gutachten, 20. Oktober 2009

Prof. Hubert Schrezenmeier, Facharzt für Transfusionsmedizin, Innere Medizin, Hämatologie und internistische Onkologie:
„In der Gesamtschau sämtlicher Befunde sind diese vereinbar mit der Diagnose einer hereditären Membranopathie, z.B. im Sinne einer milden Form einer hereditären Sphärozytose.“
Quelle: Arztbrief vom 12. Februar 2010

Dr. Pierre Edouard Sottas, Bio-Statistiker und ISU-Gutachter während des Verfahrens:
„Alles zusammen, schätze ich die Wahrscheinlichkeit, ein solches Profil aufgrund von Doping zu erhalten, speziell auf den Wettkampf in Hamar bezogen, als gering ein.“
Quelle: E-Mail vom 7. Januar 201

Prof. Prof. André Tichelli, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Hämatologie (SGH), seit 1991 Leiter der Diagnostischen Hämatologie des Universitätsspitals in Basel:
„Diese Membranopathie kann durchaus die gesteigerten Retikulozyten erklären. Die abnormen Blutwerte des Vaters (hohe MCHC Werte) sind ein zusätzliches Argument für das Vorliegen einer hereditären Erkrankung bei Frau Claudia Pechstein.“
Quelle: Gutachten, 3. März 2010 

Prof. Anjo Veermann, Professor der Pädiatrie, spezialisiert in pädiatrischer Onkologie, Hämatologie und Immunologie der Vrije Universiteit Medical Centre (VUmc) in Amsterdam:
„Es ist meine feste Meinung, dass es keine Basis für die Verurteilung für den Gebrauch von Epo oder ähnlichen, das Knochenmark stimulierenden, Substanzen oder Methoden gibt.“ Quelle: Gutachten, 2. März 2010

Dr. Andreas Weimann, Diplomierter Biochemiker, promovierter Humanmediziner und Facharzt für Laboratoriumsmedizin, Leiter des Labors der diagnostischen Hämatologie
in der Charité Universitätsmedizin Berlin, Europas größter Universitätsklinik:
„Zusammengefasst ergibt sich Diagnose einer hereditären Membranopathie in Form einer abortivmilden Form von hereditärer Sphärozytose.“
Quelle: Untersuchungsbericht, 10. Februar 2010

Prof. Alberto Zanella, Hämatologe und ISU-Gutachter:
Zusammenfassend denken wir, dass die Fluktuation der Retikulozyten-Zahlen, die
bei Claudia Pechstein gefunden wurden, durch das Vorhandensein einer erblichen Membranopathie gerechtfertigt werden kann. Da selbst bei milden Formen der Hämolyse die Erythropoese im Allgemeinen angeregt ist, kann eine extreme körperliche Belastung, die sonst ohne Auswirkungen auf das Knochenmark bleibt, die Variabilität der hämatologischen Parameter verstärken.“
Quelle: Gutachten, 28. April 2010